Sprechstunde psychische Gesundheit

Erfolgreiches Pilotprojekt für Menschen mit Beeinträchtigungen

Am 10. Oktober war der Welttag der psychischen Gesundheit. Dieser Tag erinnert daran, wie wichtig es ist, offen über psychische Belastungen zu sprechen und Hilfsangebote anzubieten und anzunehmen – für alle Menschen, egal in welcher Lebenssituation. Das WohnWerk hat sich diesem Thema angenommen und im Herbst 2023 das Projekt «Sprechstunde psychische Gesundheit» vor Ort gestartet. Ayla (Name geändert), eine Bewohnerin des WohnWerks, hat sich entschieden, dieses Angebot wahrzunehmen. «Ich wusste nicht, wo ich jemanden finden kann, der nett ist und Zeit für mich hat», erinnert sie sich. Im Rahmen unseres neuen Angebotes ist sie nun fündig geworden.

Durchgeführt wird die Sprechstunde von einer externen Fachperson: Maria Lumsden Rieder, eine erfahrene Psychologin und Therapeutin. Sie hat an der Universität Sheffield in England Psychologie studiert, in Schottland die Psychotherapie-Ausbildung absolviert und dort in einer Klinik gearbeitet. Seit vielen Jahren arbeitet sie nun an der psychologischen Fakultät der Universität Basel. Besonders schätzt sie die Vielseitigkeit ihrer Arbeit, denn sie hat in ihrer Laufbahn mit unterschiedlichsten Menschen gearbeitet – von Personen mit Suchtproblemen über Mitarbeitende aus verschiedenen Hierarchiestufen eines grossen Pharmaunternehmens bis hin zu ihrer neuesten Aufgabe: Menschen mit Beeinträchtigungen im WohnWerk zu unterstützen. Für sie ist es auch auf persönlicher Ebene eine besondere Aufgabe, denn ihre Schwiegermutter war früher in der «Webstube» tätig – so hiess das WohnWerk damals.

Professionelle Begleitung und individuelle Ansätze

Die Idee für das Projekt «Sprechstunde psychische Gesundheit» entstand, als das WohnWerk sich zunehmend für Menschen mit psychischen Herausforderungen geöffnet hat. Zunächst gab es einen Workshop für die Fachpersonen, um das Bewusstsein für psychische Gesundheit zu stärken. Dabei wurde der interne Bedarf nach professioneller Unterstützung deutlich. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit Maria entschieden wir uns schnell, sie für diese Aufgabe zu gewinnen. «Durch die Möglichkeit, die Sprechstunde vor Ort anzubieten, wird die Hemmschwelle stark reduziert. Menschen können trotz möglicher Berührungsängste das Setting einer Therapie kennenlernen.» Dank grosszügiger Spenden ist das Pilotprojekt inzwischen in den ordentlichen Betrieb übergegangen und bis mindestens 2026 finanziert.

In ihren Sitzungen geht Maria sehr individuell auf die Bedürfnisse der Menschen mit Beeinträchtigungen ein. «Eine typische Sitzung sieht je nach Person ganz unterschiedlich aus: «Bei neuen Gesprächspartner*innen frage ich nach aktuellen Sorgen oder greife Themen auf, die in vorangegangenen Gesprächen aktuell waren. Oft geht es dabei um Beziehungen – ein Thema, das für alle Menschen von Bedeutung ist. Wir alle möchten uns geliebt und akzeptiert fühlen, das ist unabhängig von irgendwelchen Beeinträchtigungen.»

Andere Themen, die oft im Mittelpunkt stehen, sind Freundschaften, Sexualität oder die Familienplanung. Oft geht es auch darum, den eigenen Selbstwert zu stärken und sich von den Eltern zu lösen. Maria betont, dass die Themen oft ähnlich sind und dass es vor allem darum geht, individuelle Wege der Unterstützung zu finden. «Ich kann mit ihr über Dinge sprechen, die ich nicht mit Menschen besprechen kann, die ich jeden Tag sehe», sagt Ayla über ihre Erfahrungen in den Sitzungen mit Maria.

Nachhaltige Unterstützung und Herausforderungen

Es finden bis zu vier Sitzungen pro Person mit Maria im WohnWerk statt. Danach wird gemeinsam erörtert, ob Bedarf nach einer regelmässigen Therapie besteht. Falls ja, vermittelt Maria die Person an Kolleg*innen. Durch ihre Arbeit an der Universität ist sie gut vernetzt. Auf die Frage, ob es weitere Hürden gibt, sagt sie: «Eine Herausforderung besteht manchmal darin, dass Beistände oder Angehörige den Bedarf einer Therapie absprechen. In solchen Fällen sind gute Argumente gefragt, und ich versuche dann, die Wichtigkeit von präventiver psychologischer Unterstützung zu betonen».

Bei ihrer Arbeit mit den Bewohnenden und Mitarbeitenden des WohnWerks setzt Maria häufig auf verhaltenstherapeutische Ansätze. Dabei geht es darum, Verhaltensweisen zu verändern und neue Routinen zu schaffen. Eine Person, die oft von Traurigkeit eingenommen wird, kann lernen, sich bewusst ein Zeitfenster am Tag zu nehmen, um sich diesen Gefühlen hinzugeben. Das kann helfen, damit diese Emotionen nicht den ganzen Tag überschatten. Zudem werden Glaubenssätze hinterfragt und gegebenenfalls neu formuliert, damit sie bestärkend wirken. Besonders wichtig ist es, die Menschen zu unterstützen, ihre Gefühle in Worte zu fassen und ein eigenes Narrativ zu entwickeln. Für die therapeutische Arbeit sieht Maria bei Menschen mit Beeinträchtigungen keine abweichenden Herausforderungen. «Man muss sich als Therapeut*in immer seinen eigenen Vorurteilen stellen und dem Menschen offen begegnen. Ich lerne immer wieder Neues dazu. Wichtig ist, eine Vertrauensbasis zu schaffen und eine gemeinsame Sprache zu finden. Wenn es für jemanden wichtig ist, mich beim Sprechen an der Hand zu halten, dann ist das in Ordnung für mich.»