Betriebsrat gründet Netzwerk für mehr Mitbestimmung
Beim Treffen in der Stiftung WohnWerk kamen Selbstvertreter*innen des Bürgerspital Basel (BSB), der Stiftung Band-Werkstätte Basel, von CO13, der ESB Baselland und der Stiftung WohnWerk zusammen. Einige verfügen bereits über langjährige Erfahrung in einem Betriebsrat, andere entwickeln ihre Strukturen gerade weiter. Diese unterschiedlichen Ausgangslagen machten den Austausch besonders wertvoll.
Nach der Begrüssung durch die Geschäftsleiterin Nicole Schwarzenbach stellte Petr Medricky vom Betriebsrat der Stiftung WohnWerk das Programm vor. Anschliessend arbeiteten die Teilnehmenden in drei Workshops zu den Themen Wahlen, Strukturen sowie Bearbeitung von Anliegen und Anträgen.
Wie laufen Betriebsratswahlen in anderen Organisationen ab und was braucht es dafür?
Im Workshop zu den Wahlen stellten die Teilnehmenden zunächst die Verfahren ihrer eigenen Organisationen vor. Dabei zeigte sich: Die Grundidee ist ähnlich, die konkrete Umsetzung unterscheidet sich jedoch teilweise deutlich.
Diskutiert wurden unter anderem die Dauer einer Amtsperiode, die Information der Mitarbeitenden sowie die Frage, wie Kandidat*innen für den Betriebsrat gewonnen werden können. Einige Organisationen haben bereits Erfahrungen mit Wahlplakaten und kleinen Wahlkampagnen gesammelt. Diese können dazu beitragen, die kandidierenden Personen bekannt zu machen und den Mitarbeitenden zu zeigen, wofür sie sich einsetzen möchten.
Der Vergleich machte sichtbar, welche Lösungen sich bewährt haben und welche Fragen vor jeder Wahl neu geklärt werden müssen. Gleichzeitig erhielten die Teilnehmenden konkrete Ideen, die sie in ihre eigenen Organisationen mitnehmen können.
«Spannend, was in den anderen Betrieben so läuft. Vieles ist ähnlich, aber manches ist schon spannend zu hören», sagt Joel von der ESB Baselland.
Unterschiedliche Strukturen, ähnliche Herausforderungen
Im Workshop zu den Strukturen verglichen die Teilnehmenden, wie ihre Betriebsräte zusammengesetzt sind und wie sie mit den Mitarbeitenden kommunizieren. Thema war unter anderem eine gute Durchmischung der Geschlechter im Gremium. Auch interne Zeitungen können genutzt werden, um über die Arbeit des Betriebsrats, aktuelle Themen und erreichte Veränderungen zu informieren.
Eine gemeinsame Erfahrung: Gerade neu gewählte Mitglieder müssen zunächst in ihre Rolle hineinfinden. Am Anfang kann die Hemmschwelle gross sein, in Sitzungen das Wort zu ergreifen, Anliegen gegenüber der Leitung zu vertreten oder Verantwortung für ein Thema zu übernehmen. Mit zunehmender Erfahrung wächst jedoch das Vertrauen in die eigene Rolle.
Deshalb war es den Teilnehmenden wichtig, auch über Erfolgserlebnisse zu sprechen. Konkrete Beispiele zeigen, dass sich das Engagement lohnt und ein Betriebsrat tatsächlich Veränderungen anstossen kann. Sie stärken die Mitglieder und machen die Wirkung des Gremiums für andere Mitarbeitende sichtbar.
Wie gelangen Anliegen in den Betriebsrat?
Ein Betriebsrat kann nur dann wirksam arbeiten, wenn die Mitarbeitenden ihre Anliegen einbringen können. Der dritte Workshop beschäftigte sich deshalb mit den verschiedenen Zugängen zum Gremium.
Bewährt haben sich feste Sprechstunden, eigene Mailadressen und der direkte mündliche Austausch mit Kolleg*innen. Anliegen entstehen oft spontan im Arbeitsalltag. Deshalb muss es möglich sein, diese unkompliziert weiterzugeben. Briefkästen stehen zwar in mehreren Organisationen zur Verfügung, werden jedoch vergleichsweise wenig genutzt.
Über alle Organisationen hinweg zeigte sich eine weitere Herausforderung: Viele Mitarbeitende haben zunächst Hemmungen, ein Anliegen vorzubringen. Sie sind möglicherweise unsicher, ob ihr Thema wichtig genug ist, wie sie es formulieren sollen oder welche Reaktionen darauf folgen. Deshalb müssen die Zugänge einfach, verständlich und möglichst barrierearm gestaltet sein. Denn alle sollen mitreden können.
Ein verständliches Antragsformular kann dabei helfen, ein Anliegen zu ordnen und die wichtigsten Informationen festzuhalten. Gleichzeitig braucht der Betriebsrat einen guten Umgang mit der Frage, welche Themen weiterverfolgt werden und in welcher Form. Besonders schwierig kann es für die Mitglieder sein, wenn ein sorgfältig ausgearbeiteter Antrag abgelehnt wird.
Als wichtig wurde deshalb ein klares Reglement beurteilt. Es legt Aufgaben, Zuständigkeiten und Abläufe fest. Zudem hilft es, die Rolle des Betriebsrats gegenüber dem Personal abzugrenzen: Fachpersonen können unterstützen, sollen die Entscheidungen der Selbstvertreter*innen jedoch nicht beeinflussen.
Besonders interessiert waren die Teilnehmenden an der Sprechstunde des Betriebsrats der Stiftung WohnWerk. Sie bietet Mitarbeitenden einen festen und persönlichen Zugang zum Gremium. Mehrere Organisationen möchten nun prüfen, ob ein ähnliches Angebot auch bei ihnen sinnvoll wäre.
Wissen mitnehmen und weitergeben
Die vielen Notizen während der Workshops zeigten, wie konkret der Austausch war. Ideen sollten nicht beim Treffen bleiben, sondern in die eigenen Betriebsräte und Organisationen zurückgetragen werden.
«Sehr informativ. Ich habe viele Notizen gemacht, die ich in einer nächsten Sitzung auch mit meinen Kolleg*innen besprechen werde», sagt Jasmin von CO13.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass keine Struktur unverändert auf jede Organisation übertragen werden kann. «Alle Institutionen müssen herausfinden, wie es für sie am besten funktioniert», sagt Petr vom Betriebsrat der Stiftung WohnWerk.
Der Aufbau einer wirksamen Mitbestimmung braucht zudem Zeit. Neue Mitglieder müssen Erfahrungen sammeln, Mitarbeitende Vertrauen entwickeln und Abläufe erprobt werden. Thomas vom Betriebsrat der Stiftung WohnWerk bringt es so auf den Punkt: «Man muss den Dingen Zeit lassen, damit sie ins Rollen kommen können. Es braucht Geduld.»
Mitbestimmung als Recht
Hinter dem Austausch steht ein grundlegender Anspruch: Menschen mit Beeinträchtigungen müssen bei Entscheidungen, die sie betreffen, aktiv einbezogen werden. Dieser Grundsatz der UN-Behindertenrechtskonvention wird häufig mit den Worten «Nichts über uns ohne uns» zusammengefasst.
Für die Arbeitswelt hält die UN-BRK fest, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Arbeitnehmer*innen- und Gewerkschaftsrechte gleichberechtigt ausüben können müssen. Auch die Bedarfsplanung 2026–2028 der Behindertenhilfe Basel-Stadt und Basel-Landschaft fordert eine stärkere Mitbestimmung in Werkstätten, Wohnheimen und weiteren Angeboten.
Betriebsräte machen diesen Anspruch im Arbeitsalltag konkret. Sie ermöglichen es Mitarbeitenden, Erfahrungen einzubringen, Anliegen gemeinsam zu bearbeiten und Veränderungen anzustossen. Das setzt verständliche Informationen, barrierearme Zugänge und eine klare Abgrenzung der Rollen voraus.
Roman vom Bürgerspital Basel (BSB) ist seit 18 Jahren Mitglied und heute Präsident des dortigen Betriebsrats. Für ihn gehört auch die Vernetzung der verschiedenen Organisationen zur Umsetzung der UN-BRK. Durch den Austausch werden Erfahrungen geteilt und die Stimmen der Selbstvertreter*innen über die eigene Organisation hinaus hörbar.
Ein langfristiges Netzwerk entsteht
Die Stimmung war von Beginn an locker und offen. In den Workshops kamen alle zu Wort, stellten Fragen und brachten eigene Erfahrungen ein. Das gegenseitige Interesse war deutlich spürbar: Die Teilnehmenden hörten einander aufmerksam zu, verglichen ihre Lösungen und machten sich viele Notizen. Auch die sorgfältige Organisation durch den Betriebsrat der Stiftung WohnWerk ging auf. Die Wechsel zwischen gemeinsamem Austausch, Workshops, Pause und Ergebnispräsentation funktionierten reibungslos. Dank des gut geplanten Zeitmanagements blieb genügend Raum für Diskussionen, ohne dass das Programm ins Stocken geriet.
Beim gemeinsamen Abschluss waren sich die Teilnehmenden einig: Der Austausch soll weitergehen. Künftig ist einmal pro Jahr ein Netzwerktreffen geplant. Die Organisation übernimmt jeweils eine andere Institution. Zusätzlich soll ein gemeinsamer Kommunikationskanal eingerichtet werden, damit Fragen, Erfahrungen und Informationen auch zwischen den Treffen geteilt werden können.
Das Netzwerk eröffnet weitere Möglichkeiten. Einzelne Themen können gemeinsam vertieft, bestehende Strukturen verglichen und kritisch hinterfragt werden. Auch gegenseitige Besuche sind vorgesehen. Sie ermöglichen direkte Einblicke und zeigen, wie Mitbestimmung in anderen Organisationen gelebt wird.
Mit der Weiterführung des Netzwerks setzen die Selbstvertreter*innen ein klares Zeichen: Mitbestimmung darf nicht vom Engagement einzelner Personen oder Organisationen abhängen. Sie braucht verbindliche Strukturen, starke Selbstvertretungen und einen Austausch über Institutionsgrenzen hinweg.
Denn wenn Entscheidungen den Arbeitsalltag von Menschen mit Beeinträchtigungen prägen, gehören sie mit an den Tisch.